Warum Abschalten von der Arbeit so schwerfällt – und wie es wirklich gelingt
- Claudia Stegemann, CIS Leadership Academy

- 14. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Freitagabend, die Arbeitswoche ist vorbei. Der Laptop ist zugeklappt, das Handy liegt auf lautlos – Zeit für die Hängematte. Und trotzdem: Die Gedanken kreisen weiter um die unbeantwortete E-Mail, das schwierige Gespräch mit einer Kollegin, das Projekt, das nächste Woche ansteht. Kommt dir das bekannt vor?

Die meisten von uns glauben, Erholung sei eine Frage der Zeit: genug freie Stunden, genug Urlaubstage, und der Kopf wird schon leerer. Die Forschung zeigt etwas anderes – und das ist eine gute Nachricht, weil es bedeutet, dass Erholung nicht vom Kalender abhängt, sondern von etwas, das wir aktiv gestalten können.
Warum reicht freie Zeit allein nicht zur Erholung?
Die Arbeits- und Organisationspsychologin Sabine Sonnentag hat gemeinsam mit Charlotte Fritz ein Modell entwickelt, das heute zu den einflussreichsten Konzepten der Erholungsforschung zählt: das Stressor-Detachment-Modell. Die Kernaussage: Arbeitsbezogene Belastungen erschweren genau das, was wir zur Erholung am dringendsten bräuchten – die mentale Distanzierung von der Arbeit, auch Psychological Detachment genannt.
Psychologisches Abschalten bedeutet, in der arbeitsfreien Zeit weder physisch noch gedanklich mit beruflichen Themen beschäftigt zu sein – keine Aufgaben erledigen, aber auch nicht innerlich weiter daran arbeiten. Genau das gelingt vielen nicht: Studien zufolge fällt es aktuell jedem zweiten bis dritten Beschäftigten in Deutschland schwer, nach der Arbeit wirklich mental abzuschalten.
Das Tückische daran: Je stressiger die Arbeitsphase war, desto schwerer fällt anschließend das Loslassen – ausgerechnet dann, wenn Erholung am dringendsten gebraucht würde. Ein Teufelskreis, der sich ohne bewusstes Gegensteuern selbst verstärkt.
Die vier Bausteine echter Erholung

Sonnentag unterscheidet vier Erholungserfahrungen, die zusammen darüber entscheiden, ob sich Freizeit auch wirklich erholsam anfühlt:
Psychologisches Abschalten – gedanklich loslassen, nicht nur physisch abwesend sein
Entspannung – der Körper kommt zur Ruhe, die Anspannung sinkt
Kontrollerleben – selbst entscheiden können, womit die freie Zeit gefüllt wird
Mastery-Erleben – etwas tun, das ein Gefühl von Kompetenz oder Wachstum vermittelt (ein neues Rezept, eine sportliche Herausforderung, ein Handwerksprojekt)
Interessant ist: Reines Nichtstun – der viel besungene Tag am Strand – erfüllt oft nur den zweiten Punkt. Wer hingegen aktiv wird, etwas gestaltet oder eine kleine Herausforderung meistert, distanziert sich nachweislich leichter von arbeitsbezogenen Gedanken.
Warum Erholung ohne bewusste Praxis schnell wieder verpufft
Eine aktuelle Untersuchung zur Wirkung von Urlauben liefert einen ernüchternden, aber wichtigen Befund: Das gesteigerte Wohlbefinden nach einer Auszeit sinkt in der Regel bereits innerhalb weniger Wochen wieder auf das Ausgangsniveau. Erholung ist also kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält – sie ist eher wie eine Fitness, die kontinuierlich trainiert werden will.
Das erklärt, warum ein zweiwöchiger Urlaub allein nicht ausreicht, um langfristig leistungsfähig und ausgeglichen zu bleiben, wenn im Alltag keine Erholungsrituale verankert sind. Die eigentliche Arbeit beginnt nicht im Urlaub, sondern im ganz normalen Berufsalltag.
Drei Impulse für mehr echtes Abschalten im Alltag
1. Der Übergangsritual-Trick. Baue dir ein kleines, wiederholbares Ritual zwischen Arbeit und Feierabend ein – ein kurzer Spaziergang, das Umziehen der Kleidung, drei bewusste Atemzüge vor der Haustür. Solche Rituale signalisieren dem Kopf: Jetzt beginnt ein anderer Modus.
2. Der Kontrast-Check. Frage dich: Welche Freizeitaktivität bietet den größten Kontrast zu meinem Arbeitsalltag? Wer viel am Bildschirm sitzt, profitiert oft von Bewegung. Wer körperlich arbeitet, braucht eher Ruhe. Kontrast – nicht Dauer – ist der entscheidende Hebel.
3. Die Sorgen-Notiz. Wenn Gedanken an die Arbeit hartnäckig zurückkehren, schreibe sie auf einen Zettel oder in eine Notiz-App. Das entlastet den Kopf, ohne das Thema zu verdrängen – du kannst es dir am nächsten Arbeitstag wieder vornehmen.
In meinen Coachings begegnet mir dieses Muster regelmäßig: Menschen, die viel leisten, aber selten wirklich zur Ruhe kommen – weil ihnen die Struktur für bewusste Erholung fehlt, nicht die Zeit dafür.
Erholung ist eine Fähigkeit, keine Glückssache
Die gute Nachricht am Ende: Abschalten ist keine Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat. Es ist eine Fähigkeit, die sich mit kleinen, bewussten Routinen stärken lässt – unabhängig davon, ob gerade Urlaub ist oder ein ganz normaler Dienstag.
Wer lernt, seine Erholung aktiv zu gestalten statt sie dem Zufall zu überlassen, gewinnt nicht nur mehr Energie im Alltag, sondern auch mehr Klarheit für die Dinge, die wirklich wichtig sind.
Claudia Stegemann ist Business Coach, Trainerin & Mentorin und Inhaberin der CIS Leadership Academy.



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